Wendeschuhe für ReenactorDie Schuhe sind im Reenactment die "Stiefkinder" der Ausrüstungs-gegenstände. Wie genau es jemand nimmt, kann man meist einwandfreian den Schuhen erkennen. Ich seh da echt noch Entwicklungspotential.Was einem zumeist für teuer Geld auf den Märkten angedreht wird,hat mit Replik normalerweise rein gar nichts zu tun, und siehtmeist nicht mal ansatzweise so aus. Durchaus gut gemachte und schöne Schuhe, aber eben nicht authentisch.Woran das liegt? Ganz einfach: erstens kennen sich die allermeistenSchuhmacher nicht die Bohne mit Wikinger-Schuhwerk aus und befassen sich auch nicht näher damit. Zum anderen benutzt man für einen Wendeschuh andere Techniken,die man sich ggf erst aneignen muss, und die zugegebenermassen nicht mehr Bestandteil ihrer Ausbildung sind. Es müsste also schon persönliches Engagement sein.(Um kurz auf die Unterschiede im Schuhbau einzugehen: Die Wikinger, und eigentlich alle Völker im Europäischen Raum, haben, von der Frühgeschichte bis ins Spätmittelalter hinein, Wendeschuhe hergestellt und getragen. Diese werden mit der Innenseitenach außen zusammengenäht, also „auf links“, und dann gewendet (Da kommt der Spruch: „Umgekehrt wirdein Schuh draus.“ her) die Nähte, mit denen das Oberleder ans Sohlenleder gefügt wird, liegen also innen.http://de.wikipedia.org/wiki/WendeschuhIm Gegensatz dazu, stellt ein heutiger Schuhmacher in der Regel einen rahmengenähten Schuh her. Dieser hat zur Verstärkung einen Lederrahmen an der Sohle, und die Sohle ist aus mehreren Schichten aufgebaut. Rahmengenähte Schuhe werden „auf rechts“, also mit der Außenseite nach außen, genäht.Der Aufbau ist hier: http://www.shoepassion.de/schuhwissen/rahmengenaeht in einer Grafik ganz gut dargestellt.)Und zu guter Letzt: die Nähte, die man für einen Wendeschuh braucht, lassen sich mit einer Nähmaschine (ausser Ledernähmaschine) nicht machen, es muss komplett von Hand genäht werden, und das kann sich zu einem vernünftigen Stundenlohn keine Sau leisten. In der Szene kommt es eigentlich nur dann zu brauchbarem Schuhwerk, wenn man entweder das selber in Angriff nimmt, oder Hilfe von einem befreundeten Darsteller erhält, oder aber sehr viel Geld auf den Tisch eines willigen und guten Schuhmachers legt (zusammen mit einer Anleitung für Wendeschuhe). Also echt nicht leicht!Was bleibt einem als versierter Reenactor also übrig?Riiiiiiichtisch: selbamachen!Die Frage die bleibt, ist nun wie so oft im Leben: Wie zum Henker geht das???Ich für meinen Teil hab vor Jahren so angefangen: ausgehend von diversen Selbstmachanleitungen, und ein paar Tips versuchte ich, teures Leder zu Schuhen (oder so) zu verwandeln. Die ersten Schuhe waren eher “oder so”.Sprich: der Schuh sah hinterher nicht nach Schuh aus, hat nicht gepasst, das Leder war dann trotz mehrfachem nachmessen beim zusammen-nähen doch zu kurz usw. usw.Ich war ja auch kein Schuhmacher.Heute, nach vielen Jahren, Löchern in der Fingern, Blasen, versautem Material, vielen, vielen Stunden, und einigen unbrauchbaren Ergebnissen bin ich nun so weit, dass ich garantiert einen brauchbaren Wendeschuh hin-bekomme, der auch praxisgerecht ist und passt, und habe grosse Hochachtung vor dem Handwerk des Schuhmachers, besonders eines Schumachers damals.Aus Erfahrung heraus möchte ich hier noch anmerken:Wer noch nie genäht hat, egal ob Leder oder Stoff, keine Schnittmuster lesen, bzw erstellen kann, sollte erstmal mit Reststücken und billigem Stoff experimentieren, bis er das kann, sonst habt ihr keine Chance einen Schuh hinzukriegen. Solide Grundkenntnisse in der Lederverarbeitung, undauch ein wenig Wissen rund um den Werkstoff Leder sind absolut unumgänglich,und Wendeschuhe herstellen ist absolut kein anfängertaugliches Projekt.(fangt mit Messerscheiden, Taschen und ähnlichem an, bis ihr euch die entsprechenden Grundkenntnisse angeeignet habt)Unter solide Grundkenntnisse verstehe ich:-Ihr könnt mit der Ahle umgehen und Löcher mit gleichmäßigem Abstand einer Linie entlang stechen, und diese zu einer gleichmäßigen, festen Naht, zusammennähen.-Ihr beherrscht grundsätzliche Nahttechniken, wie zB die Sattlernaht, bzw Steppstich, Schlingenstich und habt ggf sogar mit dekorativen Nähten herumexperimentiert (zB beim Stoß an Stoß nähen Kreuzförmige Nähte entstehen zu lassen)-Ihr habt bereits mit verschieden dicken und festen Lederarten gearbeitet, und ein bißchen Gefühl dafür entwickelt, welches Leder sich wie verarbeiten läßt, wie groß die Abstände in der Naht sein müssen, und was flexibel oder steif genug für welches Projekt ist.-Ihr habt schon Leder geklebt und dabei eine zufriedenstellende Klebeverbindung, die hält, zustande gebracht-Ihr könnt mit den zur Lederverarbeitung nötigen Werkzeugen soweit umgehen, das hinterher keine Finger fehlen oder nicht mehr benutzbar sind.-Ihr könnt mit dem Messer auch dickes Sattelleder zuschneiden, so daß eine glatte Schnittkante entstehtLöcher machen, Nähen, Faden, Festigkeit und Leder Qualität, kleben, Sohle .... WerkzeugeKriegt man authentische Schuhe alltagstauglich und bequem?1. Ein genaues Schnittmuster bekommt man nirgendwo. Nur die grobe Formvorgabe.2. Schuhe waren zur Zeit der Wikinger zwar ein Wegwerfprodukt (sie waren, bedingt durch die Machart, nicht wirklich reparierbar, die Sohle ca nach 6 Monaten in Fetzen, wodurch eine Menge Schuhe in den Abfallgruben gelandet sind.) von dem es viele Funde oder Fundbruchstücke gibt, nur kriegt man die nicht unbedingt als Laie zu sehen, sind halt keine spektakulären Dinger, die im Museum ausgestellt werden.3. Unsere modernen Füßchen sind nicht unbedingt dazu geeignet, in authentischen Wendeschühchen rumzuhüpfen. Die Passform ist ungewohnt, die Sohle sehr weich, und extrem rutschig, besonders auf Wiese, wenn es naß ist, geht die Nässe schnell durch, sie haben keinen erhöhten Absatz, kein Fußbett, und geben auch keinen wirklichen Halt. Sie sind also somit mit großer Vorsicht zu genießen oder ebe an moderne Bedürfnisse geringfügig anzupassen... aber das muss man auch wieder erstmal raus finden, oder wissen, und dann auf passende Lösungen kommen.Ich rate dringend davon ab, authentisch genähte Schuhe zu mehr als einemSpaziergang über ein Marktgelände zu tragen. Das gilt insbesondere für Schaukämpfer! Geht kein unnötiges Risiko ein, euch oder andere zu verletzen!(also bitte auch nicht im Alltag verwenden, z.B. Fahren, oder Lager Auf-Ab-Bauen).Für mich persönlich sind folgende Zugeständnisse an Tragekomfort und Sicherheit unumgänglich:- eine Gummilaufsohle mit wenigstens ein klein wenig Profil - ein Fußbett, durch das ich nicht jeden Kiesel spüre, und das im Idealfall auch noch ergonomisch geformt ist, mit einer leichten Erhöhung an der Ferse- ggf dichte Nähte und eine Materialbehandlung, sodass die Füße trocken bleiben (Froschfett, Sportwachs für Bergschuhe oder ähnliches)Man braucht natürlich Werkzeug, das bekommt man meist recht gut im Baumarkt:- Cuttermesser oder Skalpell mit Griff zum Zuschneiden- Geflochtene und eingewachste Kunstsehne (ist am praktischsten) zum Nähen- möglichst dünne Nadeln mit großem Öhr (meine persönlichen Favoriten sind Schusterborsten aus Stahl) zum Nähen- Ahle (am besten eine runde, keine Schwertahle die schneidet)- ein Werkzeug zum Ausdünnen von Leder (entweder ein Messer mit gebogener Klinge, wunderbar funktionieren auch die Hornhauthobel mit Einwegklingen für die Füße)- ein Holzbrett als Unterlage (zum Löcher stechen funktioniert weiches Holz besser, zum zuschneiden hartes)- Hammer (ca 500g) zum Wenden und Nähteklopfen- Hartholzvierkant oder Schusteramboss zum Nähte klopfen- Locheisen oder Lochzange zum (nicht für die Löcher zum Nähen gedacht!)Mit diesem Sortiment kann man sich recht gut behelfen.Wer hier mehr Wert auf Authentizität legt ( oder es evtl auf dem Markt braucht), kann sich natürlich auch authentisches Werkzeug machen oder besorgen, das sieht doch gleich viel besser aus http://www.personal.utulsa.edu/~marc-carlson/shoe/APP1.HTMMaz ist Werkzeugmacher und ist gern bereit, Euch das eine oder andere Werkzeug authentisch als Einzelanfertigung herzustellen, das ist gar nicht so unerschwinglich. Mehr hierzu unter Werkzeug-Spuren und Werkzeug-authentischDann zum Material:Klar, Leder, aber welches? Nachdem mir niemand was gesagt hatte,habe ich am Anfang den Fehler gemacht das gleiche Leder für alles zu nehmen... Resultat: die Schuhe werden entweder schnell kaputt, weil die Sohle zu dünn ist, oder unförmig hässlich Klötze, weil dasOberleder zu dick ist.Deswegen: ein dickes, eher festes, aber nicht hartes Leder mit Narbenseite für die Sohle. Rind eignet sich da gut, oder auch Kalb oder Hirsch. Das Leder für die Sohle darf möglichst nicht nachgeben und sich dehnen, wenn man daran zieht. Genauer kann ich es euch leider nicht beschreiben, man muss ein Gefühl dafür entwickeln, was gut funktioniert, und wie man es erkennt.Als Oberleder nehme ich dünneres Leder, ca 1mm bis maximal 2mm dick.Ob Wildleder oder Narbenleder was ist das ist egal, es muss weich, geschmeidig undflexibel sein, mit einem möglichst geringen Biegeradius ,wenn man es in der Hand knickt, und soll beim Ziehtest etwas elastisch nachgeben, abernur ganz wenig. Es darf nicht ausleiern dabei! Ziegenleder ist gut geeignet.Kaufen kann man Leder ganz gut auf Mittelaltermärkten, oder in einer kleineren Gerberei (vorzugsweise einer, die pflanzlich statt chemisch gerbt), im Lederhandel (im Branchenbuch nachschauen), oder ihr fragt mal charmant bei einem (Orthopädie-) Schuhmacher nach. Bei letzterem bekommt man normalerweise gegen eine Spende in die Kaffeekasse auch durchaus kleine Reststücke zum Üben, und übrigens auch Gummisohlen, Korkeinlagen und ggf Kleber. Dass Leder nicht unbedingt billig ist, muß ich hoffentlich nicht extra erwähnen.Die Farben bleiben euch natürlich selbst überlassen, ich persönlich benutze am liebsten ungefärbtes oder braunes Leder.Wer kein gutes Augenmaß beim Kaufen hat, nimmt sich am besten sein Papierschnittmuster (siehe Schritt für Schritt Anleitung) mit und legt die Schablonen vor dem Kauf aufs Leder damit auch wirklich genug da ist. Und denkt an die Nahtzugabe!Zum Nähen:Wichtig ist vorallem, das die Stiche gleichmäßig sitzen, am besten zeichnet man eine Linie aufs Leder, wo die Naht hin soll und sticht möglichst gleichmäßig mit der Ahle (so eine Art stabiler Nadel mit Holzgriff, zum Löcher stechen) in nicht zu großen Abständen die Löcher. Ausserdem muss die Naht soweit ins Fleisch (soll heißen Abstand zur Schnittkante) , das sie beim wenden und auch beim Tragen späternicht ausreißen kann. Die Kräfte, die da wirken, sollten nicht unterschätzt werden!Wer nicht sicher ist, sollte das Leder so zuschneiden, das an den Nähten auf dem Fußrücken, oder bei Schuhen die seitlich genäht werden, ein Überstand (mehr als ein Zentimeter) ist. Diesen kann man dann wenn man den Fuß in den Schuh steckt, ganz gut anpassen oder später beschneiden.Die Nahtzugabe wird nach dem Wenden dann mit dem Hammer platt geschlagen. Dazu wird der Schuh gewässert. (man tut sich leichter, wenn man den Schuh zum wenden und klopfen etwas nass macht,und ihn dann noch feucht in Form bringt)Und wie wird jetzt ein Schuh draus?Man braucht eine Vorlage, und ein grobes Schnittmuster. (ein Schnittmuster ist eine Schablone, auf der die Form in Verbindung mit den individuellen Maßen die Form der einzelnen Teile, aus denen der Schuh zusammengefügt wird, ergibt) http://www.personal.utulsa.edu/~marc-carlson/shoe/SHOEHOM2.HTMDas ist vielleicht die beste Adresse, die ich je gefunden habe zu diesem Thema.Zwar sind dort keine exakten Schnittmuster mit Maßen oder ähnlichem, undman muss stellenweise ganz schön rumprobieren, und immer wieder anpassen, bis ein Schuh draus wird, aber nirgendwo sonst sind so viele Schuhfunde mit Schnitt aufgelistet, auch die Werkzeuge hab ich nirgendwo so vollständig gefunden, und auch bei den Techniken findet man sehr gute Informationen.Auch wenn die Seite auf Englisch ist, wer wendegenähte Schuhe herstellen möchte, sollte sich doch auf alle Fälle die einzelnen Schnittmuster (http://www.personal.utulsa.edu/~marc-carlson/shoe/SLIST2.HTM) mal ansehen, und die Seite auf der die Nähte beschrieben werden (http://www.personal.utulsa.edu/~marc-carlson/shoe/STITCH.HTM).Und ansonsten?Wer möchte, kann sich am besten vor dem Nähen, eine dünne Gummilaufsohle an den Schuh kleben. Dazu braucht ihr entweder einen guten Schusterkleber, oder ihr lasst es der Einfachheit halber beim Schuhmacher oder Schuster kleben. Der hat praktischerweise nämlich auch eine Presse, mit der ein Druck auf den Kleber kommt, das hält länger als Eigenversuche mit Hammer oder Schraubzwingen bzw Schraubstock. Eine Gummilaufsohle hat den Vorteil, das man wesentlich weniger rutscht beim Laufen, gerade auf Gras oder Laub, und vorallem das man nicht jedes Jahr 1-2 Paar Schuhe nähen muss, weil die Sohle durch ist.Eine selbstendeckte Alternative zur aufgeklebten “Anti-Rutschsohle” möchte ich Euch als echt gute Variante nicht vorenthalten (von uns liebevol ”Schwarzgatsch” genannt.Im KFZ-Zubehörhandel (falls Ihr es nicht günstig bekommt, gerne auch über uns) könnt Ihr eine Art “Gummi in der Dose” bekommen, der sehr gut zu verarbeiten ist, und der zu einer hochwertigen, rutschhemmenden Gummischicht wird, aber auch zum Abdichten und Kleben verwendet werden kann. Preis ca 6,50 bis 8,50 für ca 300 ml, also genug für ein paar Schuhe (Sohlen), billiger und besser geht es nicht.Silikon ist nicht verwandt damit, und hat hier nichts zu suchen, es rutscht. Nähere Infos zu diesen und anderen Zaubermitteln unter Werkzeuge-Hilfsmittel-Als kleine Kaufhilfe in der heutigen Lederwelt:http://www.lederhaus.de/wissen/lederkunde.php?v=Whttp://www.leder-info.de/index.php/LederDann, wie könnte es auch anders sein, Wikipedia:http://de.wikipedia.org/wiki/LederZum Thema Wendeschuhe:http://www.wikingerkleidung.de/schuhe/stiche-und-naehte.htmlEin kleiner Tip zum Fadenfädeln:http://www.hajo-seifert.de/Stone/Themen/wander/tip/sattlerkunde.htm ronjaSchuhe Re ronjaSchuhe Re ronjaSchuhe Re